Mittwoch, 5. April 2017

Politisiert euch! #1: In bunt


 Ich saß da neulich so an Nähmaschine und Overlock und nähte mir ein neues Outfit. Unterm Tisch feierten meine Socken mit der Sonne eine wilde bunte Party. Dabei dachte ich mal wieder vor mich hin. So viel, dass es den heutigen Beitrag sprengen würde und ich einen Teil auf morgen auslagern muss. Ich lese Blogs. Solche und solche. Über Handarbeitsblogs stolpere ich auch hin und wieder mal. Eine Sache hat mich in den letzten Jahren aber immer wieder und in letzter Zeit gefühlt noch lauter stolpern lassen: Handarbeitsblog seien nicht politisch. Ganz abstrus wurde es an der Stelle, an der selbstgenadelte Pussy Hats gezeigt wurden, die politischen Inhalte in dortigen Blogs aber verneint wurden. Wahlweise Dinge wie: "Eigentlich müsste man sich mal zu den derzeitigen Geschnissen äußern, aber das hier ist ja kein politischer Blog...." Jedes Mal, wenn ich so etwas lese denke ich: SCHADESCHADESCHADE und WIE FALSCH!


 Wieso FALSCH? Ganz einfach: Nicht politisch sein funktioniert (nicht nur) meiner Meinung nach gar nicht. Selbst in banalsten Handarbeitsblogs schwingt etwas Politisches mit. IMMER. Das Private ist politisch. Ringelmiez hat das mal so schön erklärt. Ich habe das hier und hier auch schonmal versucht. Menschsein ist immer politisch. Keine Stellung zu beziehen ist politisch. Schweigen ist politisch. Gerade in Zeiten wo es wichtig ist, dass auch die schönen Dinge politisch sind und laut sein sollten.
 Wieso SCHADE? Auch ganz einfach: Irgendwas scheint die Menschen, die oben genannte Dinge in ihren Blogs schreiben, ja zu bewegen. "Man müsste/sollte..." Ich kann das Argument total gut verstehen, dass ein Blog ein Ort für die schönen Dinge im Leben sein sollte. Auch in diesen Zeiten. Und das ist auch total wichtig einen solchen Ort zu haben. ABER: Was passiert, wenn der Wind rauer wird? Was, wenn Schönheit nicht mehr reicht und die Orte, an denen sie existieren kann, bedroht sind? Wäre es vielleicht dann auch wichtig, diese Orte in Schutz zu nehmen und zu verteidigen? Ihre Existenzgrundlage rechtfertigen? Kann man Schönheit noch genießen, wenn nebenan die Hütte brennt?



 Es ist an der Zeit die Wohlfühzone zu verlassen und aufzustehen. Auch und gerade hinter der Nähmaschine, an den Stricknadeln und in Handarbeitsblogs. Damit wir weiter bunt und friedlich zusammen leben können! Ich möchte nicht morgen für mein Regenbogenoutfit angegriffen werden, weil es so aussehen könnte, als sei ich lesbisch oder weil mein Stil irgendwem nicht in den Kram passt. Ich möchte auch meinen breiten Hintern durch die Gegend tragen ohne mir anhören zu müssen, mein Speck würde früher oder später die Gesundheitskassen belasten. Das nur so als Beispiel. Der MeMadeMittwoch ist politisch. Ich nehme viel zu selten daran teil, obwohl es mir die Augen und die Seele streichelt, dort so viele verschiedene Körperformen präsentiert zu bekommen. Denn auch das ist politisch.

  
 Zurück zu den politischen Inhalten von Handarbeitsblogs: Mir ist bewusst, dass politische Äußerung auch immer angstbehaftet ist. Man macht sich angreifbar. Kritikfähigkeit ist nicht gerade die Stärke von Menschen, die sich in der Handarbeitsszene herumtreiben. Das durfte ich schon öfter erleben. Das habe ich hier mal versucht zu illustrieren. Handarbeitsblogs sind irgendwie so eine unantastbare Wohlfühlzone. Alle sollen sich lieb haben und kuscheln. Sich zu positionieren kann aber das Gegenteil davon hervorrufen. Ist mir hier auch schon passiert. Aber Kontroversen können auch hilfreich und inspirierend sein. Ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin, wenn mich nicht jahrelang Menschen in aller möglicher Hinsicht kritisiert hätten. Auch hier im Blog. Die meisten, die es sich leisten können, einen Handarbeitsblog zu betreiben, leben in freien Ländern. Man darf seine Meinung äußern, ohne dafür bestraft zu werden, wenn man ein paar Regeln beachtet. Auch Sprache kann Angst machen. Die Sorge, man hat für die Dinge nicht die richtigen Worte kann ich auch nachvollziehen. Aber irgendwann und -wo muss man eben anfangen.


 Mit meinem neuen Rock und dem schon älteren Longsleeve kann ich jetzt mein eigener Regenbogen sein. Mit Goldkopf. Nicht ganz korrekt wie im Yogamagazin, aber auch das ist in Ordnung. Stichwort Körperbild. Und nun muss ich irgendwie noch einen anderen Bogen bekommen. Ich möchte mir gerne von euch, die das hier lesen etwas wünschen: Schnappt euch ein Handarbeitsprojekt und sucht darin das Politische. Blogt darüber. Vielleicht ein paar Inspirationsfragen:

 - Warum ist es politisch, mit den Händen etwas selbst zu tun?
 - Warum ist es politisch, Kleidung selbst zu nähen?
 - Warum ist es politisch, ein bestimmtes Material zu nutzen?
 - Warum ist es politisch, sich selbst in der selbstgemachten Kleidung zu fotografieren und öffentlich auf dem Blog zu zeigen?
 - Warum ist es politisch, etwas selbst zu machen, statt es zu kaufen?
 - Warum ist es politisch, sich zum Handarbeiten mit anderen zusammenzutun?
 Vielleicht mögt ihr aber auch ganz losgelöst davon Gedanken teilen, die euch beim Handarbeiten zum Weltgeschehen durch den Kopf gehen. Positioniert euch! Diskutiert! Inspiriert euch! Steht zusammen! Sorgt dafür, dass Handarbeiten nicht zu so einem Quatsch ohne Hirn verkommt! Sorgt dafür, dass die Welt eine bunte, vielfältige bleibt. Ich würde diese Beiträge gerne sammeln und am Ende des Monats vorstellen. Vielleicht schieße ich mir damit ins Knie, weil niemand oder zu viele mitmachen. Hinterlasst bis zum 30. 04. 2017 einen Link mit eurem Projekt und euren Gedanken unter diesem oder dem morgigen Blogpost hier. Ich werde am Ende des Monats eine Sammlung online stellen. Eine klassische Linksammlung würde ich mir da gerne sparen. In skandinavischen Handarbeitsblogs geht das auch ohne und es ist ganz wundervoll zu sehen, wie viel Mühe sich da gegeben wird. Das hier wird ein Experiment. Wenn es klappt, könnnte ich mir vorstellen, etwas in dem Stil einmal monatlich anzubieten. Ausschlusskriterium ist defnitiv irgendein Nazimist. Morgen gibt es noch mehr zum Thema. Wiederkommen lohnt sich.

 
 Mein heutiges Outfit ist selbstgenäht. Die Schnitte sind selbstgebastelt, der Regenbogenstoff ist ein schwedisches Design, bio und fair. Die Socken hat meine Großmutter für mich gestrickt. Die sind schon knapp 15 Jahre alt. Und ich schäme mich für gar nichts.

Kommentare:

  1. Ach, super! Ich danke Dir für diesen Beitrag. In meinem Blog versuche ich auch immer mal wieder andere Themen anzusprechen, die nicht nur mit Nähen zutun haben, aber ich merke auch, dass es schwierig ist. Ich zeige gern meine selbstgenähten Sachen, erkläre hier und da auch etwas dazu, aber gern binde ich das in eine Geschichte ein. Ist sie lustig, bekomme ich schon mal einige Reaktionen, aber sobald sie politisch und außerhalb der Komfortzone wird, bleibt es eher aus. Ich würde gern bei Deiner Linksammlung dabei sein. Es gibt gerade in diesen Zeiten so viel zu sagen. Unsere Welt, unsere Gesellschaft ist politisch.
    Liebe Grüße, Julia

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    1. cool! ich bin super gespannt!
      aber jetzt wollte ich auf deinen blog klicken und irgendwie geht das mit dem angezeigten link neben dem kleienn bild gar nicht... irgendwas ist da falsch verlinkt(?).
      liebe grüße,
      jule*

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    2. Komisch, sehe ich auch gerade. http://derdiedasundmehr.blogspot.de

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    3. ah cool, da schaue ich gleich mal rüber. danke!

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  2. Bis zum 30.4. ist ja noch ein bisschen Zeit, daher: Du kannst darauf zählen, dass du in der Linksammlung nicht allein bleibst. ;)

    Und du darfst schon mal damit rechnen, dass dieser und der nächste Post wieder in meinem Samstagsplausch rechnen. Fangirling, Runde... 4? 5? :D

    Grüßlis,
    Sabrina

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    1. yeah! und apropos fangirling: ich lese gerade noch so eine tatsache über die welt und bin schwer berührt. ein tipp von dir. frei nach dem motto: wie du mir, so ich dir. ich finde es großartig und bin gespannt, was du schreiben wirst.
      liebe grüße,
      jule*

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    2. Oh, das freut mich unheimlich!
      Das ist ja eigentlich auch genau das, was ich am Bloggen schätze: Dieser Austausch. Und dass es oft eben auch beidseitig funktioniert und man _voneinander_ lernen/inspiriert werden kann und das nicht immer eine Einbahnstraße sein muss.

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  3. Schwierige Aufgabe, ich habe auch einen Handarbeitsblog, aber natürlich nicht nur. Ich habe es mal versucht etwas in Worte zu fassen. Hauptsächlich geht es allerings um Osterhasenbeutel, kannst ja mal gucken ob es passt.
    http://tuedelband.blogspot.de/2017/04/ostern-naht.html
    Ich werde mal versuchen öfter links und rechts zu gucken. Also beim bloggen, im Leben tue ich das sowieso.

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    1. krass! das ging ja schnell. und cool! schon kapitalismuskritik. ich danke dir!
      liebe grüße,
      jule*

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  4. Was soll ich dazu sagen? Ich mache es ja eh schon lange anders, wobei diese Trennung mir von außen aufgezwungen wird.
    Für mich hat die nie existiert, was schon in den Siebzigern zu Irritationen & doofen Bemerkungen von sich sehr fortschrittliche verstehenden Kollegen geführt hat und der Tatsache, dass frau nicht wirklich ernst genommen wurde.
    Ich fordere für mich, dass ich als ganzer Mensch gesehen werde, egal, ob ich Kopf oder Hand benutze. Und dass ich Schönes herstellen kann, ohne politisch ignorant zu sein.
    Was ich da jetzt verlinken kann, ist mir nicht klar...
    GLG
    Astrid

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    1. *lach* nein, du solltest dich damit ja auch gar nicht angesprochen fühlen. dieser beitrag ist aus so einem grundsätzlichen unbehagen meinerseits heraus entstanden. wenn man die masse der kreativblogs betrachtet, dann könnte der eindruck entstehen, dass für die betreibenden menschen der horizont mit dem ende des basteltisches endet. und ich habe die leise hoffnung, dass dieser eindruck falsch ist und dass es schade ist, das da potential ungenutzt im raum liegt. ich wollte mal ein paar menschen mehr hinterm ofen hervorholen. vielleicht hilft es ja. die andere möglichkeit wäre ja, mich von der kreativbloggerszene zu distanzieren. aber ich versuche mich lieber erstmal im ändern, bevor ich böse werde ;) ich hoffe das erklärt ein bisschen was. morgen gibt es mehr.
      liebst,
      jule*
      p.s.: zu deinem gestern gezeigten voltigieroutfit hätte man sicherlich auch ein politisches riesenfass aufmachen können. irgendwie fand ich das aber auch schick, dass du das so vollkommen locker nebenbei erwähnt hast.

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    2. Du hast mit deinem P.S. Recht. Allerdings hätte ich da auch viel zur persönlichen Geschichte meines Enkels erzählen müssen. Aber da er das nicht autorisiert hat, habe ich es unterlassen. Eine interessante Sache ist es auf jeden Fall.

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  5. Kleidung ist immer ein Statement, sogar wenn man sich ausdrücklich gegen einen modischen Anspruch wendet. Es gibt Kleider für den Beruf als echten Schutz oder als gedachte Rüstung, es gibt Bekleidung für Freizeit, tlw. passend zum Freizeitgerät, es gibt Kleidung, die ihren Träger ausdrücklich einer Gruppe zuordnet. Mache ich meine Kleider selbst, habe bei jedem Kleidungsstück eine Intention. Ich suche das, was ich entwerfe oder fertige, sorgfältig nach meinen eigenen Ideen aus. Den meisten ist das auch bewusst, wird aber nicht als politische Handlung wahrgenommen.
    LG Susanne

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    1. ich bin mir über dieses bewusstsein manchmal nicht so sicher ehrlich gesagt. darum dieser blogpost. und vielleicht täte es not, das mal ein bisschen mehr zu betonen.
      liebe grüße,
      jule*

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  6. Liebe Frau Jule,
    danke für diesen Post und deine Aktion. Ich teile deine Meinung 100% und bin immer irritiert wenn ich schief angeguckt werde, wenn ich sage, dass handarbeiten für mich politisch ist...
    Liebe Grüße

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    1. ja, wahlweise wird man dafür komisch angeschaut, dass man handarbeitet. das ist ja was für muddis :D
      liebe grüße,
      jule*

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  7. Deine Gedanken finde ich spannend, und sie regen zum Nachdenken an. Eine Sache schießt mir dabei aber durch den Kopf - vielleicht haben viele auch Bedenken, sich im www, sozusagen total öffentlich, zu politischen Sachen zu äußern? Seitdem ich Bücher wie Blackout und The Circle gelesen habe, bin ich online auch nicht mehr so entspannt.
    vielleicht blogge ich darüber einmal und verlinke zu dir?
    Danke jedenfalls für den Denkanstoß!
    LG
    Sandra

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    1. ja, tu das. ich habe besagte bücher nicht gelesen. aber das internet ist wirklich fluch und segen.... darum halte ich meine nase auch so ungern in bildern hinein... ich bin gespannt auf deinen beitrag!
      liebe grüße,
      jule*

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  8. Jule, Du bist wunderbar! Und der weltbeste Regenbogen an diesem grauen Mittwoch!
    Ich mag die Idee deiner Linksammlung - sogar so sehr, dass es mich in den Fingern juckt, (nur dafür) wieder zu bloggen...! :)
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. So geht's mir auch! In meinem Kopf ging es auch direkt rund mit Ideen und Überlegungen zu einem Blogpost. Aber ich handarbeit so selten zur Zeit. Vielleicht krieg ich trotzdem was auf die Reihe... Mal sehen...

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    2. oh liebe jana, ich würde mich über jede form von neuem beitrag auf deinem blog freuen!
      liebst,
      jule*

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    3. Bitte sehr:
      http://fairyundsnail.blogspot.de/2017/04/drei.html
      :o)

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  9. Wenn ich über ein Paar Socken bogge und 45 Kommentare habe, aber gerade mal 4, wenn ich über den Frieden sinniere, dann gibt mir das aber schon zu denken. Ich weiss ja nicht, wie es dir geht, aber meine Leserschafts hat's offensichtlich lieber wollig kuschelig und unverfänglich. Nicht politisch geht gar nicht! Liebe Grüsse von Regula

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    1. witzig, bei mir scheint es irgendwie andersherum zu sein... vielleicht kann man sich seine lesendenschaft erziehen oder so... ich hoffe, deine motivation über den frieden und co. zu bloggen, hängt nicht an der menge der kommentare.
      liebe grüße,
      jule*

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  10. Wow, was für eine tolle Idee!! Ich schwappe auch immer mal wieder in politische Themen, wenn ich über kein genähtes Schreibe- immer nur Schnitt: Stoff: "und dann hab ich das gemacht" wäre ja viel zu langweilig, es soll ja auch spaß machen zu lesen, oder eben soviel unbehagen, dass man weiterliest um sich in den Kommenatern Luft zu machen....

    hier sind meine politischen Handarbeitsbeiträge des März und April:

    http://lalillyherzileien.blogspot.de/2017/04/BHromyundhipstermary.html

    http://lalillyherzileien.blogspot.de/2017/03/rosa-klischees.html

    Ich würde mich sehr freuen wenn es eine monatliche Sammlung gäbe, ich finde viel spannender hinter die Stirn der Blogger zu schauen als nur vor ihre Kleidung...

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    1. das mit hinter die stirn blicken finde ich einen sehr schönen ausdruck! danke dafür und was für ein spannender blog! über die sache mit der monatlichen sammlung denke ich tatsächlich nach...
      liebe grüße,
      jule*

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  11. Ich habe nochmal versucht meine Meinung in Stoff und Worte zu kleiden:
    http://tuedelband.blogspot.de/2017/04/dagegen-oder-dafur.html

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