Dienstag, 11. April 2017

Vom Flicken, Stopfen, Färben


 Ich fange heute mal mit einer Hamburger Begegnung an. Ich saß in der U-Bahn von dort nach hier. Mir gegenüber ein Mann, etwa in meinem Alter. Kurz vor meiner Zielhaltestelle zuppelte ich meinen Tabakbeutel aus der Tasche und drehte mir eine Zigarette. Er zeigte auf meinen Beutel und quatschte mich auf Englisch an.
Er: "Das ist ein sehr praktischer und schöner Beutel für Tabak. Ich muss meinen Kram immer einzeln in Hosentaschen mit mir rumtragen." Er zog eine Tüte mit Filtern und Blättchen aus der einen und ein Tabakpäckchen aus der anderen Hosentasche und begann auch sich eine Zigarette zu drehen.
Ich: "Du solltest nähen lernen, dann kannst du dir auch so ein Teil nähen." Wedelte mit dem Tabakbeutel herum.
Er: "Ich kann nicht nähen. Ich bringe meine Hose immer zur Schneiderei, um sie flicken zu lassen. Muss bald wieder hin." Zeigt auf die zahlreichen geflickten Stellen und offensichtlich neuen Löcher.
Ich: "Andere Menschen geben viel Geld für eine solch löchrige Hose aus."
Er: "Ja, stimmt. Und bald kaufen sie auch Schuhe für viel Geld, die so aussehen wie unsere." Zeigt auf unsere Füße.


Ich: "Ja, verrückte Welt. Gut dass wir ein Leben haben, das man uns auch ansieht. Andere müssen dafür viel Geld ausgeben. Dabei braucht es gar nicht viel." Da mussten wir beide lachen und an der selben Haltestelle aussteigen. Er hatte seine Gitarre samt Verstärker an der Tür geparkt. Das war der Kerl, der hin und wieder bei mir um die Ecke an der Einkaufsstraße steht und so schön und laut Musik macht, dass sie bis auf meinen Hinterhof schallt und ich immer ganz verzückt auf dem Balkon seiner Musik lausche. Ich habe ihn gar nicht erkannt. Vielleicht sollte ich einen Tabakbeutel nähen und ihm das nächste Mal, wenn er bei mir um die Ecke singt, in den Gitarrenkoffer werfen...


 Was ich sagen wollte: Leben! Und wenn die Dinge dabei Spuren bekommen, dann weitermachen. Geschichten erzählen. Manchmal kann man etwas stopfen oder flicken. Ich bin eine große Freundin davon. Auch Flicken können Geschichten erzählen. Der Hoodie im Bild sah bis vor Kurzem auch nicht so schick aus. Es ist auch schon älter und sehr geliebt. Gekauft bei einem Hamburgbesuch, lange bevor ich hierher zog. Verwaschen, verschossen, rot verfärbt, an Stellen wo aggressives Putzmittel mit ihm aus Versehen in Berührung kam. Witzig, dass Janina auf ihrem Blog heute eine Anleitung zum gezielten Bleichen mit Putzmittel gepostet hat. Eigentlich hatte ich meinen Pulli schon ein paar Mal aussortiert. Aber den letzten Schritt konnte ich doch nicht wagen. Ich mochte den Druck so gerne, der Pulli sitzt wie angegossen und ist auch immer noch schön dick und warm. Doch man kann auch da Abhilfe schaffen. Ich habe ihn einfach mit dunkelblauer Farbe in den Klamottenwhirlpool geschickt. Ich wusste nicht genau, was mit dem Plottdings auf der Brust passiert. War mir aber erstmal auch egal. Im Zweifel hat Verschlimmbessert.


 Aber nichts da. Als das Färbebad vollendet war, sah alles aus wie neu und ich war hocherfreut. Das Plotterdings kam wieder richtig schön hervor. Man sieht ihm sein Alter nicht an und auch nicht mehr unbedingt die Geschichten, die mit ihm erlebt wurden. Aber die habe ich ja im Kopf und im Herzen. Manchmal ist es hilfreich das Leben zu sehen, manchmal muss das aber auch nicht sein. Und der Pulli und ich, wir werden sicherlich noch eine Menge Geschichten zusammen erleben. Gelernt: Leben ist wichtig und ein Plottdings übersteht ein Farbbad ohne Probleme. Ein bisschen passt das heute in die Dienstagssammlung.

Kommentare:

  1. Was für eine schöne Geschichte! Ich mag so unerwartete Begegnungen mit freundlichen Menschen total!
    Zu dem Pulli (sieht echt wie neu aus) noch ne Frage: färbst du in der Waschmaschine? Ich hab das einmal probiert und es war ne Riesensauerei. Erstmal ist die Farbe aus dem Waschmittelfach nicht direkt in die Maschine gelaufen, sondern aus der Maschine raus. Und dann war beim folgenden Waschgang immer noch Farbe dabei und hat alles andere verfärbt. Wäscht du dann einmal leer nach? Welchen Trick kenn ich nicht?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. dankedanke. ja, in der waschmaschine gefärbt. der führende hersteller solcher farben meint jetzt, dass man die flaschen mit der färbeflüssigkeit direkt in die trommel wirft. fand ich nur so halbgeil, weil es ziemlich laut war und ich ne schissbüx bin, wenn es um meine waschmaschine geht. nach dem färbewaschgang wasche ich die sachen einmal nach. das hat bei mir immer gereicht. man kann im nachwaschgang sogar noch stoff oder so mitfärben. der bekommt dann eben mit der restfarbe einen helleren farbton. die gummisachen in der maschine behalten noch ein paar waschgänge blaue schlieren, aber bisher habe ich danach nichts mehr weitergefärbt, das nicht gefärbt werden sollte. mittlerweile gibt es auch einen weiteren maschinenfärbehersteller. das ist dann pulver, das man auch direkt mit in die maschine wirft. ich habe hier zwei geschenkte probepackungen pink, aber noch nichts ausprobiert. weil pink... waschmittelfach hat mittlerweile nichts mehr mit färben am hut.
      vielleicht hilft das ja...
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
    2. Aha, das sind doch ein paar wertvolle Tipps. Danke! Vielleicht trau ich mich dann nochmal dran demnächst. Ich hab so'n paar schwarze Sachen, die nur noch grau sind und gerne wieder schwarz wären...

      Löschen
  2. Zwei tolle Geschichten! Näh dem Mann so nen Büggel!
    GLG
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. danke und auf jeden fall!
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  3. ja. frau k ist mir zuvor gekommen...aber JA, schenk ihm so ein nähschätzchen, das macht glücklich ☺ und zum färben: mach ich auch so gerne, schon wegen dem tollen überraschungseffekt ��, soll aber auch fiesgift für die umwelt sein (viel wasser, viel energie, viel chemie) ��. übrigens: ich würde auch PINK nehmen �� lg koni

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ja, mit dem giftmist hast du wohl recht. andernfalls wäre der pulli wohl weggekommen und ich hätte einen neuen gebraucht... irgendwas ist immer. pink wird auch noch seine zeit finden. im moment habe ich nur noch keinen bedarf für pinken stoff oder so.
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  4. Toll. Ich liebe so Begegnungen und Gespräche. Wenn ich es einrichten könnte würde er einen Büddel von mir bekommen. Ich mag diese Kleinigkeiten mit denen man jemanden eine große Freude machen kann.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ja, ich werde mich mal hinsetzen und hoffen, dass er dann hier in der ecke nochmal musiziert. denn du hast natürlich recht.
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  5. Gelebte/ zerlebte Dinge sind doch die schönsten! Und noch besser, wenn man sie wieder alltagstauglich machen kann. Bei mir warten auch noch ein-zwei Dinge auf ihre Überarbeitung...
    Liebe Grüße
    Antje

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. jupp! und wir gut, dass wir das können.
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  6. Ich muss ja zugeben, ich repariere sehr ungern. Aber ich tu's, weil ich oft an den Sachen hänge (wie du schreibst, Erinnerungen) und aus Prinzip. Färben ist bei meinen Umgestaltungsaktionen auch oft dabei (hab hier eine noch unverblogt rumliegen). Zu der Chemiesache denke ich mir, dass die Farben die hier für den Hausgebrauch erhältlich sind warscheinlich nicht so schlimm sind, wie das Zeug was in Billigklamotten steckt - und die Aufbereitung ist hier warscheinlich auch besser.
    Auf jeden Fall gut zu wissen, dass Plotterteile das überstehen und vielen Dank für die Verlinkung :)
    Liebe Grüße
    Janina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. mit der chemiesache hast du vermutlich recht. wäre vielleicht spannend für eine kleine recherche... und ich hätte dir für die verlinkung danken sollen....
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen
  7. Liebe Jule,
    Viele. Dank dafür, dass Du die Geschichte mit uns teilst! Ich bin auch für nähen und ihm eine Freude machen!
    An meinen Klamotten hänge ich meistens auch sehr und muss dementsprechend häufig flicken. Eine Jeans habe ich mal im Kochtopf gefärbt (weil keine Waschmaschine und Waschsalon wohl nicht so witzig ist). Hat tatsächlich gut geklappt. Da braucht es dann auch weniger Wasser. Vielleicht gibt es ja sowas wie Biofarben?
    GLG Kerstin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. dankedanke!
      und ja, in töpfen habe ich früher auch gefärbt. allerdings war bei dieser färbeladung noch einiges mehr dabei und da wird das färbeergebnis in der maschine meistens besser. in meinem fall ist die maschine meist voll. im waschsalon gibt es ärger, wenn man da färbt ;) gerüchteweise ist ja idigo der neueste shit. habe ich aber auch noch nicht ausprobiert. sollte ich evtl. mal.
      liebe grüße,
      jule*

      Löschen